Ein Norddeutscher im Exil
Wirtschaft
Netzneutralität und warum sie so wichtig ist
13. Aug
Seit einiger Zeit, genauer seit die Deutsche Telekom mit Google darüber verhandelt, dass Google für bevorzugte Behandlung seines Traffics bezahlen soll, ist die Diskussion über Netzneutralität auch in Deutschland angekommen – bisher hat dieses Thema eher die amerikanischen Medien und Blogs beherrscht. Was aber bedeutet “Netzneutralität”?
Stellen wir uns das Internet mal als ein Netz von Straßen vor – für jede Einfahrt bezahlt derjenige, der diese Einfahrt verwendet, regelmäßig Geld. Einige haben größere Einfahrten als Andere, weil sie mehr Autos gleichzeitig verschicken oder empfangen. Größere Einfahrten sind natürlich teurer. Aber einmal auf den Straßen, ist jedes Auto völlig gleichberechtigt.
Jetzt sind die Straßen aber oft ziemlich voll. Mal kommt ein Auto langsam voran, mal schneller. Daran haben sich schon alle gewöhnt. Die Straßen müssen auch regelmäßig gewartet werden, auch mal ausgebaut, weil mehr Autos auf die Straßen wollen. Die Straßenbetreiber sind deshalb auf einen Trichter gekommen: Verlangen wir doch einfach von jedem, der unsere Straßen benutzen will, Geld dafür, dass sie schneller durchkommen. Wer 50 Euro pro Auto zahlt, darf mit 50 Sachen fahren, bei 100 Euro 100 km/h undsoweiter. Das hat dann zur Folge, dass Kunden des Ottoversands ihre Pakete schon innerhalb von Stunden bekommen (ihre Transporter dürfen ja mit Vollgas heizen), Kunden von einzelnen eBay- oder Dawanda-Verkäufern hingegen müssen wochenlang warten, weil die Transporter nur Schrittgeschwindigkeit fahren dürfen. Diesen Unternehmen entsteht ein enormer wirtschaftlicher Schaden. Geld kommt zu Geld – kleine Unternehmer sterben aus.
So in etwa muss man sich die Überlegungen zur Zeit vorstellen – diverse Internet Service Provider in den USA und hierzulande denken mehr als laut darüber nach, die Unternehmen, die die Internetleitungen mit großen Mengen Traffic belasten, an den Kosten hierfür zu beteiligen. Als Gegenleistung würde dieser Traffic schneller befördert. Kleinere Internetunternehmen, Startups mit wenig Geld oder einfache Privatleute würden sich dann entweder horrenden Kosten für ihren Internetauftritt entgegengestellt sehen oder müssten nicht selten ihre Bude zumachen – die Kundschaft wird nämlich zu den großen drängen, die sind schön schnell erreichbar.
Ich bin der Meinung, dass dieses Szenario nicht geschehen darf. Das obige Beispiel mit dem Straßennetz stellt die Situation, denke ich, sehr gut dar. Mit Aufgabe der Netzneutralität würde eine Art Zwei-Klassen-Internet geschaffen, und die Aufnahme eines Geschäfts im Internet wäre mit Kosten verbunden, die kaum kalkulierbar sind. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass kleine private Webseiten schlechter bis gar nicht erreichbar werden – damit würde ein essentielles Mittel freier Meinungsäußerung in der heutigen Gesellschaft verloren gehen.
Ich sehe die Netzneutralität als ein Gut an, für dass es sich politisch zu kämpfen lohnt. Darum verweise ich euch an die Initiative Pro Netzneutralität. Diese unter Anderem von den Politikern Björn Böhning (SPD) und Malte Spitz (Grüne) gegründete Initiative sammelt zur Zeit Unterstützerstimmen für ein weiteres Vorgehen gegen die Aufgabe der Netzneutralität. Eure Unterstützung bekundet ihr einfach, indem ihr auf der Seite euren Namen mit in die Liste eintragt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, wo ich diese Zeilen schreibe, sind es schon 6.670 Unterstützerstimmen.
Spreeblick, Primacall und der Streisand-Effekt
23. Mrz
Kennt ihr den Streisand-Effekt? Einen solchen erzeugt nämlich das Berliner Telekommunikationsunternehmen Primacall gerade mit einer völlig überzogenen Forderung an das Blog Spreeblick.
Konkret soll Johnny, wird von Primacall verlangt, auf diversen Webseiten Beiträge über Primacall löschen. Dass Johnny dies überhaupt nicht tun kann, selbst wenn er wollte, wird dabei völlig außer Acht gelassen. Die Webseiten, die im oben verlinkten Spreeblick-Eintrag erwähnt werden, liegen allesamt außerhalb des Zugriffs von Johnny (wie es insgesamt beim Verlag aussieht, weiß ich leider nicht).
Ungeachtet desse, was die Geschäftspraktiken von Primacall darstellen sollen (ich habe keinerlei Erfahrung damit und erlaube mir deshalb darüber auch keine Aussage), so empfinde ich dieses Vorgehen doch als überzogen, dreist und frech. Hier wird exemplarisch ein kritischer Blogger in Sippenhaft genommen und für eine Vielzahl von überall im deutschsprachigen Netz verteilten Meinungsäußerungen verantwortlich gemacht. Ein solches Vorgehen ist nicht nur unverständlich, es verstößt in meinen Augen sogar gegen das Recht der freien Meinungsäußerung.
Natürlich kann ich verstehen, wenn Primacall schlechte Presse möglichst vermeiden will (wer will das nicht?), aber das kann man auch mit anderen Methoden erreichen. Im Fall Spreeblick geht das Ganze zurück auf ein Interview, dass Johnny und Malte mit einem ehemaligen Call Center Agent von Primacall geführt haben und der unter Anderem über Cold Calls und Kundenakquise berichtete. Hier hätte Primacall Lehren ziehen, diese Geschäftspraxis beenden und eine PR-Kampagne lancieren können – stattdessen wird geklagt und zur Löschung gedrängt. Ein Angebot einer Gegendarstellung wurde ausgeschlagen und Bedingungen für eine außergerichtliche Einigung gestellt, die nicht zu erfüllen sind – siehe oben. Dabei ist Spreeblick sogar noch entgegengekommen, indem die bemängelten Passagen im Original-Interview gekürzt wurden.
Primacall will die schlechte Presse eindämmen und macht sich so nur noch mehr schlechte Presse – so sieht der Streisand-Effekt aus.
Gedanken zur Pressefreiheit
03. Dez
Zur Zeit geht wieder einmal ein Gespenst in der deutschen Politik- und Medienlandschaft um. Dabei handelt es sich nicht um die seit September bestehende schwarz-gelbe Regierung, sondern um einen Skandal im Medienbereich: Der Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, ist mit einem Beschluss des Verwaltungsrats des ZDF mehr oder weniger entlassen worden, sein auslaufender Vertrag wird nicht verlängert.
Brender hatte sich einen Namen gemacht als von der Politik unabhängiger Journalist. Er wagte es nicht selten, sowohl linken als auch rechten Politikern Contra zu geben. So zum Beispiel auf der “Elefantenrunde” nach der Bundestagswahl 2005 (wir erinnern uns: in dieser Sendung bestand Gerhard Schröder darauf, die Regierung bilden zu wollen, obwohl weder rot-grün noch schwarz-gelb eine Mehrheit hatten und es wohl auf eine große Koalition hinauslief).
Bereits im Februar dieses Jahres hat Roland Koch verlauten lassen, Brenders Vertrag nicht verlängern zu wollen (wie zum Beispiel in diesem Interview in der FAZ erwähnt). Dafür erntete er Kritik und es formierte sich vor Allem im Bereich des ZDF, aber auch unter den deutschen Journalisten Solidarität für Brender. Koch und anderen Mitgliedern des Verwaltungsrats wurden parteipolitische Interessen bei der Durchsetzung dieses Ziels vorgeworfen.
Zehn Monate später ist es amtlich: der Verwaltungsrat hat Brenders Vertrag nicht verlängert. In manchen Medien wurde dabei vermittelt, dieser sei hauptsächlich von neutralen, keiner Partei angehörigen, Personen besetzt. Schaut man sich jedoch einmal die tatsächlichen Infografiken an (hier im Artikel eingebettet), so sieht das alles doch ein wenig anders aus. Das Gremium des ZDF-Verwaltungsrats ist nicht, wie behauptet, von der Politik unabhängig.
Als meine Frau von dieser ganzen Geschichte erfuhr, fragte sie mich, wieso Koch denn so eine Möglichkeit hätte, einen solchen Einfluss zu nehmen. Das frage ich mich ehrlich gesagt auch: Wie konnte es so weit kommen, dass unabhängige Journalisten, die sich keines politischen Lagers festlegen wollten (Brender war Mitglied der Jungen Union, gehört aber inzwischen keiner Partei an), abgesägt und ausgetauscht werden? Sind wir inzwischen in einen Staat transformiert, in dem die Regierung entscheidet, was das Volk zu denken und zu tun hat und nicht umgekehrt?
Die Affäre Brender zieht inzwischen weitere Kreise. Die Grünen haben einen Gang vor das Bundesverfassungsgericht angekündigt, diverse deutsche Journalisten meldeten, sie wollten den Europäischen Gerichtshof anrufen. Zweifelsohne richtige Schritte, doch allein mir fehlt der Glaube, dass sich dadurch etwas ändert: Um den Gang vor das BVerfG zu schaffen, brauchen die Grünen insgesamt ein Drittel der Stimmen des Deutschen Bundestags (warum auch immer), und der Europäische Gerichtshof, wie sämtliche Institutionen der EU, erscheinen für mich sehr undurchsichtig. Ob hier weniger Gemauschel vorherrscht als in der Deutschen Politik, weiß ich nicht.
Es gab eine Zeit, in der wurden Journalisten sogar für einige ihrer Berichte verhaftet (und das nicht nur im Dritten Reich, Stichwort Spiegel-Affäre). In dieser Zeit wurden Journalisten schon fast als Helden gefeiert, die es wagten, dem Staat entgegenzutreten und sogar für ihre eigenen Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen. Heute scheint davon in der deutschen Medienlandschaft kaum etwas übrig. Die Politik versucht immer, die Berichterstattung zu kontrollieren, es liegt an den Journalisten, dies zu verhindern und “den Arsch in der Hose” zu haben, unabhängig zu informieren. Nicht umsonst bezeichnet man den Journalismus als “Vierte Säule der Demokratie”.
Aber das Beispiel um “Zensursula” und die Causa Brender haben für mich gezeigt, dass diese vierte Säule das Haus nicht mehr tragen kann. Sie bröckelt stückweise weg. Unabhängige Berichterstattung und das Liefern von Hintergründen übernehmen langsam andere Organe. Hier seien Weblogs wie fixmbr oder netzpolitik.org erwähnt, die sowohl kompetent als auch unabhängig berichten. Ich finde es auf der einen Seite bedenklich, dass die Massenmedien inzwischen sehr von Politik und Wirtschaft beeinflusst werden, auf der anderen Seite ist es doch interessant zu sehen, dass es immer noch Menschen gibt, die unabhängig und neutral informieren wollen und dabei wirklich alle(!) Hintergründe offenlegen wollen. Es ist nur schade, dass diese neu entstehende fünfte Säule von der breiten Masse nicht gesehen wird…
Das Ende einer Odyssee
21. Sep
Heute Morgen um 4 Uhr erhielt ich folgende SMS:
Liebe Kundin, Ihre Störung zu Anschluss XXXX-XXXXXXX mit der Ticket-ID XXXXXXXX ist behoben.
Ihre Telekom, 08003301000
Damit ging eine nervige Episode vorüber und ein “Neustart” wurde ermöglicht. Aber von Anfang an:
Ende Juli rief ich die Telekom an. Grund: meine Frau und ich zogen um in eine neue Wohnung, und in dieser wollten wir natürlich auch Telefon und Internet haben. Da wir Kunde beim rosa Riesen waren, wollten wir uns halt ummelden.
Jetzt war die Crux an der Sache, dass in der neuen Wohnung jahrelang kein Telefonanschluss geschaltet war und deshalb nicht einfach ein Schalter umgestöpselt werden konnte, um alles zum Laufen zu bringen. Für den 6. August wurde also ein Technikertermin vereinbart, um den Anschluss zu schalten. Kostenpunkt: 59,95 €.
Der Techniker kam, sah und – konnte nichts machen. Denn: am Kasten vor dem Haus war das Schloss kaputt. Der musste erst ausgetauscht werden. Der Techniker meldete die Störung weiter und sagte uns, bis zum Wochenende sollte alles erledigt sein.
War es aber nicht. Es begann ein Hin und Her, dutzende Anrufe bei der Hotline, Beschwerden unsererseits, diverse Male flog ich aus der Leitung, versprochene Rückrufe wurden nie getätigt, sogar ein vereinbarter Technikertermin wurde nicht eingehalten – kurz: Servicewüste Deutschland.
Ich kann an dieser Stelle leider nicht widergeben, was alles insgesamt im Detail passiert ist, ohne dabei etwas ausfallend zu werden. Jedenfalls wurden Versprechungen nie eingehalten. Sogar die Anschluss- und die Grundgebühr wurden, trotz der Tatsache, dass keine Leistung erbracht wurde, abgebucht. Da wurde es meiner Frau und mir zu bunt: wir durchforsteten das BGB und fanden tatsächlich zwei Paragraphen, auf die wir uns für eine fristlose Kündigung beziehen konnten. Wir hatten auch keine Nachfrist gesetzt und wollten es auch nicht mehr, deshalb waren wir froh, diese Paragraphen zu finden. Wir waren allerdings auch nicht sicher, ob die Telekom sie akzeptieren würde. So ging am 8. September dann, ohne dass Telefon oder Internet funktionieren würden, die Kündigung raus.
Als meine Frau am 18. September zufällig schaute, was die Störung macht, stieß sie auf die Aussage, es bestünde Klärungsbedarf. Als ich dann nochmal anrief, erfuhr ich: am 17. war ein Technikertermin vereinbart (mit wem, frage ich mich da?) und der Techniker hat uns nicht angetroffen.
Heute morgen um 4 dann obige SMS. Nach einem Anruf heute Morgen klärte sich: unsere fristlose Kündigung kam durch. Ein Anruf bei unserer alten Festnetznummer bestätigte: der Anschluss war weg. Die freundliche Frauen-Computerstimme meldete “Die Nummer ist nicht vergeben”.
Für uns gehen nervige 8 Wochen jetzt zu Ende. Der Wechsel zu einem alternativen Anbieter über das TV-Kabelnetz ist schon beschlossene Sache – und wir zahlen für mehr Leistung auch noch weniger Geld. Unter diesen Bedingungen kann ich nicht verstehen, warum die Telekom immer noch so viele Kunden hat…
Das Vodafone-Werbedesaster
24. Jul
Es gibt da etwas, was mich zugegeben in letzter Zeit ein bißchen nervt. Ich habe versucht, es auszublenden, zu ignorieren, aber die von mir gelesenen Blogs schäumen regelmäßig (sprich manchmal sogar mehrmals täglich) mit diesem Thema über und es zieht mittlerweile solche Kreise, dass es einfach nicht mehr schön ist.
Es geht, wie man der Überschrift schon entnehmen kann, um Vodafones aktuelle Werbekampagne. Diese hat das Ziel, das Unternehmen der Kommunikation mit den Kunden zu öffnen und das Web 2.0 für Marketingzwecke zu nutzen. Zu diesem Zweck wurden nicht nur ein Blog und ein Twitter-Account eingerichtet, es wurden auch einige mehr oder weniger bekannte deutsche Web 2.0-Gestalten als Werbefiguren eingekauft, darunter Sascha Lobo und Schnutinger alias Ute Hamelmann. Gleichzeitig ist das Blog-Werbevermarktungsunternehmen Adnation mit an Bord und schaltet Werbeanzeigen in Blogs, genauso wie an ausgesuchte Blogger das Android-Handy HTC Magic verschickt wurde. Das Ganze richtet sich an die sogenannte “Generation Upload”, an Menschen, die zum Beispiel über Twitter, Youtube, Flickr oder im eigenen Blog eigene Inhalte erstellen.
So weit, so gut, es ist eine Werbekampagne wie jede andere auch. Naja, nicht so ganz, denn es ist ein interessantes Experiment, sich in Puncto Kommunikation dem Kunden gegenüber zu öffnen (wie in der Kommentarfunktion des Blogs). Frosta macht das schon eine Weile, Vodafone prescht aber mit einer Macht und Intensität vor, die bisher ihresgleichen suchte. Der Haken an der ganzen Geschichte ist eigentlich zwei Haken. Denn: Vodafone war einer der Telekom-Provider, die sehr zuvorkommend die Verträge über Netzsperren, die mit dem Bundesfamilienministerium geschlossen wurden und dem “Zensursula-Gesetz” vorangingen, unterzeichnet hatten. Die deutsche Blogosphäre, einschließlich diverser Blogs, die von Adnation vermarktet werden, hat wochen-, wenn nicht sogar monatelang gegen diese Netzsperren Proteste gefahren.
Vodafone hat dann den Zeitpunkt des Starts der Kampagne, den 1. Juli, reichlich ungünstig gewählt: die Zensursula-Debatte war gerade durch und das Gesetz beschlossen, da startet diese Kampagne. Den beteiligten Bloggern, Hamelmann und Lobo genauso wie zum Beispiel Spreeblick, Stefan Niggemeier oder Beetlebum-Jojo, wurde Ausverkauf von Interessen und Heuchelei vorgeworfen, weil sie erst gegen die Netzsperren demonstriert haben (bei Jojo ist dies allerdings nicht der Fall), aber kaum winkt der “Zensurprovider” Vodafone mit Geldscheinen, werden die Ideale über Bord geworfen. Unter Anderem mit satirisch verfremdeten Plakaten wie diesem hier wurden die betroffenen Blogger regelrecht diffamiert:

Wenn man diese Liste liest, hat man das Gefühl, man liest ein Who is who der deutschen Blogosphäre.
Nachdem Frau Hamelmann dann im Vodafone-Blog einen mehr als schwachen PR-Beitrag veröffentlichte, kochte das Ganze noch einmal richtig hoch: Hamelmann wurde sogar persönlich angegriffen. Hamelmann hat daraus die Konsequenz gezogen und somit mit ihren Web 2.0-Aktivitäten komplett aufgehört. Damit hat eine inzwischen sehr hässlich gewordene Debatte ihr erstes Opfer gefunden.
Vodafone hat sicher darauf gehofft, das positive Image von Lobo, Hamelmann & co. würde sich – ganz wie in der Werbung üblich – auf das Unternehmen übertragen. Stattdessen lief es anders herum – Lobo hat einen Imageverlust erlitten, ebenso wie alle anderen beteiligten Blogger. Inzwischen wird sogar die Glaubwürdigkeit der verschiedenen Blogger mehr als angezweifelt. Die an der Kampagne beteiligten Blogger, Lobo und Hamelmann, werden seitdem, was ihre öffentlichen Äußerungen angeht, aufs Schärfste beobachtet und ihr Wort ihnen im Mund rumgedreht. Das veranlasste Hamelmann schließlich, das Handtuch zu werfen.
Ich finde diese Debatte mehr als fehl am Platz. Was hier gemacht wird, ist nichts anderes als eine Hexenjagd. Man könnte es auch als Mobbing bezeichnen. “Ihr seid nicht wie wir, so alternativ, so anti, wir machen euch fertig”. So in etwa wirkt die Debatte zur Zeit, da unter Anderem immer wieder das Wort Ausverkauf fällt. Das obige Plakat (“Zensurprovider? Egal, das Geld stimmt.”) spricht dafür Bände. Es wird dabei völlig außer Acht gelassen, dass manche Menschen nun einmal geld verdienen wollen und müssen – manche eben auch mit Blogs. Und es ist – für den Endnutzer – besser, wenn dies durch Werbung passiert, als wenn jetzt für den angebotenen Inhalt Geld verlangt würde (gerade im Fall von Beetlebum würde ich es bedauern). So ein Blog frisst Zeit und Geld, und ich bin der Ansicht, es sit mehr als legitim, hier auch wieder etwas herein bekommen zu wollen. Hier von Ausverkauf zu sprechen ist meiner Ansicht nach vollkommen falsch – oder können die, die Google-Anzeigen schalten, beeinflussen, welche Anzeigen auf der Seite erscheinen?
Ich finde die Argumentation fraglich, dass jemand, der Werbung für ein Unternehmen macht, automatisch alles gut heißt, was das Unternehmen tut. Ich bin Kunde bei Vodafone, bis vor Kurzem eigentlich sogar recht zufrieden gewesen (inzwischen nerven mich die Preise, es ist doch alles sehr undurchsichtig und überteuert) – heißt das jetzt ich bin für Netzsperren? Wer mich kennt und wer mein Blog liest, weiß, dass dem nicht der Fall ist. Ich bin – genau wie viele andere Blogger – nach wie vor der Meinung, dass dieses Gesetz nie hätte verabschiedet werden dürfen. Und die positive Haltung meines Mobilfunkproviders gegenüber den Netzsperren, dafür würde ich denen am Liebsten mein Handy vor die Füße werfen, wenn’s was bringen würde.
Ich finde es auch nicht in Ordnung, wenn jetzt die Glaubwürdigkeit der angesprochenen Blogger angezweifelt wird. Sich eine Reputation aufzubauen dauert Monate, oft sogar Jahre – sie geht aber oft sehr schnell kaputt, wie in diesem Fall. Die Menschen hinter dem Geschriebenen sind aber nach wie vor die Gleichen. Mich (und nicht nur mich) erinnert das Ganze an die Diskussion um die “Opel-Blogger” vor ein paar Jahren – damals haben einige Blogger von Opel für eine begrenzte Zeit einen neuen Corsa gestellt bekommen, mit der einzigen Bedingung, über ihre Erfahrungen zu schreiben. Die Kampagne damals war nicht so “laut” wie die Vodafone-Kampagne heute, aber sie hat in der deutschen Blogosphäre mindestens genauso Aufsehen erregt. Und die kritischen Stimmen von damals (ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich mich demgegenüber geäußert habe) haben genau die gleichen Argumente genutzt wie die heute – Ausverkauf, Verlust der Glaubwürdigkeit, verlorene Authentizität.
Ich hatte bis vor Kurzem, bedingt durch die Zensursula-Debatte, den Eindruck, die deutschen Weblogs sind endlich erwachsen geworden. Sie beteiligen sich politisch, treten für Bürgerrechte ein, sammeln Stimmen zur Unterstützung und sehen, wo offen ein Recht verletzt wird. Inzwischen habe ich aber wieder den Eindruck, Blogs sind nach wie vor eine Subkultur, die in der breiten Öffentlichkeit nicht angekommen ist und wohl auch nicht ankommen will. Während auf der einen Seite Startups entstehen, die versuchen, mit dem Web 2.0 Geld zu machen, stehen auf der anderen Seite Menschen, die den Kommerz gänzlich ablehnen. Mich erinnert das irgendwie an eine Teenager-Kultur, die in den 1980er Jahren aufkam. Hauptsache dagegen, wogegen genau können wir später noch beschließen.
Bei mir hat sich das Bild über die entsprechenden Blogger durch diese Vodafone-Kampagne nicht im geringsten geändert. Ich habe Sascha Lobo nie richtig etwas abgewinnen können, und das bleibt auch so. Die Schnutinger-Comics hingegen fand ich bisher recht amüsant, und Johnny vom Spreeblick schätze ich ob seiner Ansichten. Deshalb werde ich mich an dieser ganzen Hetzerei definitiv nicht beteiligen. Aber diese 2 Cents mussten einfach mal raus.

