Ein Norddeutscher im Exil
Beiträge getaggt mit Angst
Bewerbungsgespräche
05. Feb
Wie manche schon wissen bin ich im Moment auf Arbeitssuche.
Das ist ja heutzutage (Stichwort Wirtschaftskrise) ohnehin nicht mehr so einfach. Für mich gestaltet es sich darüber noch etwas schwieriger: ich habe mit “Bürokaufamnn” einen Beruf gelernt, der den Arbeitsmarkt mehr oder weniger überflutet und in dem erst nach ein par Jahren Berufserfahrung wirklich von einer Stellenbezeichnung (wie “Sachbearbeiter” oder “Einkäufer”) die Rede sein kann.
Und dann kommt bei mir erschwerend die soziale Phobie hinzu. Das fängt schon bei der Auswahl der Stellen an – im kaufmännischen Bereich hat man mit sozialen Ängsten oft das Nachsehen. Denn nicht nur Teamwork ist gefragt, auch der Kontakt mit Kunden und Lieferanten bildet häufig einen Grundpfeiler der Stelle. Wenn man da zum Beispiel Angst vorm Telefonieren hat, kann es schon einmal problematisch werden.
Die größte Hürde, jedenfalls für mich, lauert aber schon weit vor der eigentlichen Arbeitsaufnahme: das Bewerbungsgespräch.
Ich habe es diese Woche erst wieder gemerkt: drei Gespräche an drei Tagen. Im Vorfeld ist dann immer die Angst da, was während des Gespräches passieren wird. Eine gewisse Nervosität ist ja normal, das streite ich gar nicht ab – nur wenn dann Schweißausbrüche, schneller Herzschlag und Magenkrämpfe dazukommen, dann wird es schwer. Ich für meinen Teil kann zwar ab einem gewissen Zeitpunkt die Angst beiseite schieben, da ist sie dennoch. Und nervöses Fingern an einem Sift oder den eigenen Händen wird ja auch gedeutet von modernen Personalern.
Das Schlimmste an der Jobsuche ist für mich wirklch die Angst vor dem Bewerbungsgespräch, und damit einhergehend die Angst vor Bwertung durch andere. Wenn der Zeitpunkt des Gespräches langsam näher rückt, dann fange ich an, immer nervöser zu werden. Es fängt an mit Unruhe, steigert sich dann immer weiter, bis ich unmittelbar vor dem Gespräch fast Panik habe. Oft will ich am Liebsten gar nicht losfahren, aber ich weiß genau, dass es nichts bringt – und die Angst vor den möglichen Folgen ist dann doch stärker als die Angst vor dem Bewerbungsgespräch.
Ein schönes Gefühl ist aber die Erleichterung, wenn das Gespräch vorbei ist…
Diagnose: Soziale Phobie
14. Jan
Als Kind war ich immer eher ein Einzelgänger. Warum weiß ich heute nicht mehr so genau. Zwar bin ich immer noch eher “Einsiedler”, inzwischen aber eher weil ich nichts anderes kenne.
In meiner Kindheit und Jugend war ich immer etwas anders als die anderen Kinder. Das fing im Kindergarten an, wo ich soweit ich mich erinnere der Einzige mit Brille war. In der Grundschule war ich – ohne mich jetzt profilieren oder selbst darstellen zu wollen – anfangs auch immer etwas weiter war als die anderen Kinder, konnte schon teilweise lesen, wo andere noch ihre Probleme hatten. Damals habe ich auch gemerkt, dass ich anders war als die anderen Kinder.
Zwischen der zweiten und der dritten Klasse wurde meine alte Klasse aufgelöst, weil sie zu klein war, und die Schüler wurden auf die anderen Klassen verteilt. So kam ich, zusammen mit ein paar anderen Schülern, in eine neue Klasse. Und da fing ich dann auch an, mich von den anderen Schülern ausgegrenzt zu fühlen. In den ersten zwei Klassen noch befreundet mit ein paar Schülern, wurde ich spätestens da zum Außenseiter.
Seitdem hatte ich oft unter Hänseleien zu leiden, und das jahrelang. Immer andere Personen, Klassenkameraden wie mir unbekannte Gesichter, nahmen mich aufs Korn. Gründe dafür gab es immer. Und ich – ich habe mich nie gewehrt. Ich war ja anders. Die anderen hatten bestimmt Recht, mich auszugrenzen.
Irgendwann bin ich dann kaum noch rausgegangen, habe mich in meinem Zimmer verkrochen. Der Gedanke rauszugehen war mir in der Zeit irgendwie unbehaglich. Schließlich war es da draußen “gefährlich”, da waren die Hänseleien und Sticheleien der Anderen.
Irgendwann hörten die Hänseleien auf. Wann weiß ich nicht mehr so genau, und warum auch nicht. Aber das Gefühl des anders seins, des nicht in die Welt passens blieb. Der Umgang mit Menschen war und blieb mir unangenehm, ich hatte immer Angst, dass die Hänseleien wieder losgehen könnten, dass ich wieder ausgegrenzt werden würde. Seitdem bemühte ich mich, nicht aufzufallen, passte mich so gut es ging an. Ich wurde der stille Kerl, der hinten in der Klasse saß und mit kaum jemandem redete. Hier und da ging ich auf Parties, aber wirklich angenehm war es mir nie. Ich gehörte halt doch nicht dazu, und ich unternahm auch keine Versuche, es zu tun.
In den Jahren seit meinem Schulabschluss hatte ich immer wieder Angst und Depressionen. Diese beiden Gefühle wurden zu den Hauptbestandteilen in meinem Leben. Inzwischen wusste ich, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt – und das anders sein war es nicht. Ich fing an, meine Angst nicht als Normalität, sondern als Angst wahrzunehmen – und vielmehr noch: sie vor mir und anderen zuzugeben.
Vor ein paar Tagen schließlich war ich beim Psychotherapeuten. Von mir aus hätte ich diesen Schritt nicht geschafft, die Bundesagentur für Arbeit hatte mir diesen Termin vorgeschrieben, um meine Leistungsfähigkeit festzustellen. Und so ging ich, zugegeben total verängstigt, dorthin – ich musste ja. Und da hörte ich dann endlich, was mit mir los war.
Für mich war der Begriff nichts neues, ich hatte schon von ihm gehört. Trotzdem wurde in dem Augenblick vieles für mich klar. Warum ich mich verhielt wie ich mich verhielt. Warum es mir so unangenehm war, mit anderen Menschen zu tun zu haben.
Bei mir äußerte sich diese Phobie dadurch, dass mir Situationen, in denen ich mit anderen Menschen zu tun hatte, sehr unangenehm waren. Allein der Gedanke an sie löste bei mir ängstliche Gefühle, Nervosität aus. Und wenn ich es nicht vermeiden konnte, so waren soziale Anlässe, und sei es “nur” ein Einkauf oer ein kurzes Gespräch, immer mit starker Anspannung, manchmal mit Zittern oder Schweißausbrüchen, Sprechhemmung und im schlimmsten Fall mit einem Gefühl der Panik verbunden. Seit Jahren begleitet mich auch ein generelles “Angst-Grundrauschen”, sprich ein immer vorhandenes, undefinierbares Angstgefühl, selbst im Umgang mit meiner Frau oder anderen mir nahestehenden Personen.
Inzwischen fange ich langsam an, mein Verhalten zu verstehen. Und ich habe endlich Hoffnung, dass ich diese Probleme bald nicht mehr haben könnte oder sie zumindest nicht mehr mein Leben bestimmen. Durch eine Verhaltenstherapie kann ich das alles endlich in den Griff bekommen.
Alles, was ich dafür brauche, ist der Mut, eine solche Therapie anzufangen…
Schlimmer als jeder Horrorfilm
19. Jun
Es gibt da etwas, davor habe ich Angst. Panische. Und ich weiß, dass viele diese Angst teilen: die Angst vor einer Zahnbehandlung.
Ich frage mich ja manchmal, wie bei mir die Angst anfing. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mich als kleines Kind auf den Zahnarzt freute, weil er nie etwas gefunden hat. Heute sieht es da leider anders aus.
Schon seit einer ganzen Weile habe ich da ein paar “Blessuren”, die ich eigentlich behandeln lassen sollte. Aber ich traue mich nicht einmal in die Nähe der weißbekittelten Bohrerschwinger (ist jetzt nicht abwertend gemeint, ich habe auch vor dem Berufsstand des Zahnarztes großen Respekt). Wenn ich daran denke, dass ich ja eigentlich mal wieder hin sollte, verkrampfe ich vollautomatisch und merke auch, wie ich anfange zu schwitzen.
Ich kann mich noch an meinen letzten Zahnarzt zu Schulzeiten erinnern. Dieser Mann war mir nicht sonderlich sympathisch, und seine Praxis war auch alles andere als gemütlich und beruhigend eingerichtet. Wartezimmer gab es keins, nur einen Wartebereich in der Nähe der “Sprechstundentheke”. Und der Mann selbst sah mit seiner großen, eckigen Brille ganz genauso aus, wie man sich einen Zahnarzt halt vorstellt. Ich kann mich daran erinnern, dass mich damals immer ein Hauch von Unbehagen, mit jedem Besuch mehr, beschlich, wenn ich dort war.
Damals hatte ich schon irgendwann einen Punkt erreicht, an dem ich dort nicht mehr hin wollte. Aber ich bin weiter hingegangen – damit sich mein Bonusheft auch schön füllt und ich im hohen Alter auch schön Zahnersatz bekomme (das glaube ich schon lange nicht mehr, so wie “die da oben” das Gesundheitssystem versauen). Jedes Mal mit mehr Unbehagen.
Das hatte aber auch seinen Grund – also das Unbehagen. Denn dieser Zahnarzt schien immer was zu finden, und so wurden auch die halbjährlichen Kontrolluntersuchungen schnell zu Behandlngen mit Bohrer, Füllung und allem Pi Pa Po. Heute bin ich der Meinung, dass dieser Arzt mich wohl “verpfuscht” hat – in jedem Fall war er die letzte Ursache dafür, dass ich eine ausgeprägte Angst vor Zahnärzten entwickelt hatte.
So richtig gemerkt habe ich die Angst, als ich vor zwei Jahren immer häufiger über Zahnschmerzen klagte. Und als diese mich absolut nicht mehr ruhen ließen und ich nicht einmal mehr schlafen konnte, ging ich dann doch hin – und musste mich einer Wurzelbehandlung unterziehen. Ich erinnere mich noch, wie ich nach irgendwas gesucht hatte, um mich mit der Hand festzukrallen, aber nichts gefunden hatte und so immer wieder an meiner Hosennaht herum “genestelt” hatte.
Nach einiger Zeit, bestimmt ein gutes Jahr später, fingen die Schmerzen wieder an. Diesmal traute ich mich absolut nicht mehr auf den Stuhl – aus Angst vor der Behandlung ebenso wie aus Angst vor der Angst. Diesmal ging ich zu einem ganz anderen Arzt. Aber alleine hätte ich das auch nicht machen können. Und so kam meine Mutter mit mir – ich war inzwischen 23 Jahre alt.
Die Behandlung bei diesem Arzt habe ich trotz aller Angst positiv in Erinnerung – denn dieser Arzt schaffte es, mich durch seine Arzt und sein Verhalten zu beruhigen, auch wenn meine Angst nicht ganz verschwand. Immer wieder erklärte er mir, was er gerade tut oder als nächstes macht, hat immer wieder beruhigend seine Hand auf meinen Arm gelegt, ruhig gesprochen – aber sich auch mit meiner Mutter ein wenig unterhalten, die während der Behandlung mit im Raum war. Das alles hat irgendwie die Atmosphäre dort im Behandlungszimmer entspannt, und so entspannte ich mich auch.
Nichtsdestotrotz bin ich immer noch ein Angsthase in Bezug auf Zahnärzte und mir würde es nie im Leben einfallen, allein dort hinzugehen.
(Inspiriert durch die Ego-Zentrale)
