Ein Norddeutscher im Exil
Beiträge getaggt mit Netzsperren
Löschen statt sperren – oder: Zensursula rudert zurück
09. Feb
Im Sommer letzten Jahres wurde das sogenannte Zugangserschwerungsgesetz verabschiedet. Inhalt: das Verbannen von Webseiten mit kinderpornografischen Inhalten hinter ein Stoppschild. Dieses Gesetz war sehr umstritten, wurde doch von einer möglichen Erweiterung der “Netzsperren” auf andere Inhalte, ja, gar von Zensur gesprochen.
Nur eines hat bisher gefehlt: die Unterschrift des Bundespräsidenten.
Jetzt rudert die Regierung offenbar zurück. Das vor der Bundestagswahl noch schnell durchgepeitschte Gesetz soll nicht mehr zum Zuge kommen, stattdessen setzen CDU und FDP jetzt auf ein “Löschgesetz”. Auf Basis der Erfahrungen mit dem Zugangserschwerungsgesetz soll jetzt eine Initiative gestartet werden, um ein solches Löschgesetz zu erarbeiten und unter Anderem dem BKA die Möglichkeiten an die Hand zu geben, kinderpornografische Webseiten schnellstmöglich zu löschen.
Auf den ersten Blick sieht das Ganze wie ein Triumph der Netzgemeinde, allen Voran der Piratenpartei, aus – wer erinnert sich nicht an die Proteste gegen das Zugangserschwerungsgesetz und die mit zuletzt gut 130.000 Stimmen mitgezeichnete Online-Petition? Aber ist das alles?
Denn komischerweise sind die Piraten auch gegen ein solches Löschgesetz! Die bisherige Rechtslage reiche völlig aus, da Kinderpornografie bereits strafbar sei. Das verleiht dem Löschgesetz einen etwas faden Beigeschmack – es sieht sehr nach Populismus aus, man müsse ja irgendetwas tun!
Das Vodafone-Werbedesaster
24. Jul
Es gibt da etwas, was mich zugegeben in letzter Zeit ein bißchen nervt. Ich habe versucht, es auszublenden, zu ignorieren, aber die von mir gelesenen Blogs schäumen regelmäßig (sprich manchmal sogar mehrmals täglich) mit diesem Thema über und es zieht mittlerweile solche Kreise, dass es einfach nicht mehr schön ist.
Es geht, wie man der Überschrift schon entnehmen kann, um Vodafones aktuelle Werbekampagne. Diese hat das Ziel, das Unternehmen der Kommunikation mit den Kunden zu öffnen und das Web 2.0 für Marketingzwecke zu nutzen. Zu diesem Zweck wurden nicht nur ein Blog und ein Twitter-Account eingerichtet, es wurden auch einige mehr oder weniger bekannte deutsche Web 2.0-Gestalten als Werbefiguren eingekauft, darunter Sascha Lobo und Schnutinger alias Ute Hamelmann. Gleichzeitig ist das Blog-Werbevermarktungsunternehmen Adnation mit an Bord und schaltet Werbeanzeigen in Blogs, genauso wie an ausgesuchte Blogger das Android-Handy HTC Magic verschickt wurde. Das Ganze richtet sich an die sogenannte “Generation Upload”, an Menschen, die zum Beispiel über Twitter, Youtube, Flickr oder im eigenen Blog eigene Inhalte erstellen.
So weit, so gut, es ist eine Werbekampagne wie jede andere auch. Naja, nicht so ganz, denn es ist ein interessantes Experiment, sich in Puncto Kommunikation dem Kunden gegenüber zu öffnen (wie in der Kommentarfunktion des Blogs). Frosta macht das schon eine Weile, Vodafone prescht aber mit einer Macht und Intensität vor, die bisher ihresgleichen suchte. Der Haken an der ganzen Geschichte ist eigentlich zwei Haken. Denn: Vodafone war einer der Telekom-Provider, die sehr zuvorkommend die Verträge über Netzsperren, die mit dem Bundesfamilienministerium geschlossen wurden und dem “Zensursula-Gesetz” vorangingen, unterzeichnet hatten. Die deutsche Blogosphäre, einschließlich diverser Blogs, die von Adnation vermarktet werden, hat wochen-, wenn nicht sogar monatelang gegen diese Netzsperren Proteste gefahren.
Vodafone hat dann den Zeitpunkt des Starts der Kampagne, den 1. Juli, reichlich ungünstig gewählt: die Zensursula-Debatte war gerade durch und das Gesetz beschlossen, da startet diese Kampagne. Den beteiligten Bloggern, Hamelmann und Lobo genauso wie zum Beispiel Spreeblick, Stefan Niggemeier oder Beetlebum-Jojo, wurde Ausverkauf von Interessen und Heuchelei vorgeworfen, weil sie erst gegen die Netzsperren demonstriert haben (bei Jojo ist dies allerdings nicht der Fall), aber kaum winkt der “Zensurprovider” Vodafone mit Geldscheinen, werden die Ideale über Bord geworfen. Unter Anderem mit satirisch verfremdeten Plakaten wie diesem hier wurden die betroffenen Blogger regelrecht diffamiert:

Wenn man diese Liste liest, hat man das Gefühl, man liest ein Who is who der deutschen Blogosphäre.
Nachdem Frau Hamelmann dann im Vodafone-Blog einen mehr als schwachen PR-Beitrag veröffentlichte, kochte das Ganze noch einmal richtig hoch: Hamelmann wurde sogar persönlich angegriffen. Hamelmann hat daraus die Konsequenz gezogen und somit mit ihren Web 2.0-Aktivitäten komplett aufgehört. Damit hat eine inzwischen sehr hässlich gewordene Debatte ihr erstes Opfer gefunden.
Vodafone hat sicher darauf gehofft, das positive Image von Lobo, Hamelmann & co. würde sich – ganz wie in der Werbung üblich – auf das Unternehmen übertragen. Stattdessen lief es anders herum – Lobo hat einen Imageverlust erlitten, ebenso wie alle anderen beteiligten Blogger. Inzwischen wird sogar die Glaubwürdigkeit der verschiedenen Blogger mehr als angezweifelt. Die an der Kampagne beteiligten Blogger, Lobo und Hamelmann, werden seitdem, was ihre öffentlichen Äußerungen angeht, aufs Schärfste beobachtet und ihr Wort ihnen im Mund rumgedreht. Das veranlasste Hamelmann schließlich, das Handtuch zu werfen.
Ich finde diese Debatte mehr als fehl am Platz. Was hier gemacht wird, ist nichts anderes als eine Hexenjagd. Man könnte es auch als Mobbing bezeichnen. “Ihr seid nicht wie wir, so alternativ, so anti, wir machen euch fertig”. So in etwa wirkt die Debatte zur Zeit, da unter Anderem immer wieder das Wort Ausverkauf fällt. Das obige Plakat (“Zensurprovider? Egal, das Geld stimmt.”) spricht dafür Bände. Es wird dabei völlig außer Acht gelassen, dass manche Menschen nun einmal geld verdienen wollen und müssen – manche eben auch mit Blogs. Und es ist – für den Endnutzer – besser, wenn dies durch Werbung passiert, als wenn jetzt für den angebotenen Inhalt Geld verlangt würde (gerade im Fall von Beetlebum würde ich es bedauern). So ein Blog frisst Zeit und Geld, und ich bin der Ansicht, es sit mehr als legitim, hier auch wieder etwas herein bekommen zu wollen. Hier von Ausverkauf zu sprechen ist meiner Ansicht nach vollkommen falsch – oder können die, die Google-Anzeigen schalten, beeinflussen, welche Anzeigen auf der Seite erscheinen?
Ich finde die Argumentation fraglich, dass jemand, der Werbung für ein Unternehmen macht, automatisch alles gut heißt, was das Unternehmen tut. Ich bin Kunde bei Vodafone, bis vor Kurzem eigentlich sogar recht zufrieden gewesen (inzwischen nerven mich die Preise, es ist doch alles sehr undurchsichtig und überteuert) – heißt das jetzt ich bin für Netzsperren? Wer mich kennt und wer mein Blog liest, weiß, dass dem nicht der Fall ist. Ich bin – genau wie viele andere Blogger – nach wie vor der Meinung, dass dieses Gesetz nie hätte verabschiedet werden dürfen. Und die positive Haltung meines Mobilfunkproviders gegenüber den Netzsperren, dafür würde ich denen am Liebsten mein Handy vor die Füße werfen, wenn’s was bringen würde.
Ich finde es auch nicht in Ordnung, wenn jetzt die Glaubwürdigkeit der angesprochenen Blogger angezweifelt wird. Sich eine Reputation aufzubauen dauert Monate, oft sogar Jahre – sie geht aber oft sehr schnell kaputt, wie in diesem Fall. Die Menschen hinter dem Geschriebenen sind aber nach wie vor die Gleichen. Mich (und nicht nur mich) erinnert das Ganze an die Diskussion um die “Opel-Blogger” vor ein paar Jahren – damals haben einige Blogger von Opel für eine begrenzte Zeit einen neuen Corsa gestellt bekommen, mit der einzigen Bedingung, über ihre Erfahrungen zu schreiben. Die Kampagne damals war nicht so “laut” wie die Vodafone-Kampagne heute, aber sie hat in der deutschen Blogosphäre mindestens genauso Aufsehen erregt. Und die kritischen Stimmen von damals (ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich mich demgegenüber geäußert habe) haben genau die gleichen Argumente genutzt wie die heute – Ausverkauf, Verlust der Glaubwürdigkeit, verlorene Authentizität.
Ich hatte bis vor Kurzem, bedingt durch die Zensursula-Debatte, den Eindruck, die deutschen Weblogs sind endlich erwachsen geworden. Sie beteiligen sich politisch, treten für Bürgerrechte ein, sammeln Stimmen zur Unterstützung und sehen, wo offen ein Recht verletzt wird. Inzwischen habe ich aber wieder den Eindruck, Blogs sind nach wie vor eine Subkultur, die in der breiten Öffentlichkeit nicht angekommen ist und wohl auch nicht ankommen will. Während auf der einen Seite Startups entstehen, die versuchen, mit dem Web 2.0 Geld zu machen, stehen auf der anderen Seite Menschen, die den Kommerz gänzlich ablehnen. Mich erinnert das irgendwie an eine Teenager-Kultur, die in den 1980er Jahren aufkam. Hauptsache dagegen, wogegen genau können wir später noch beschließen.
Bei mir hat sich das Bild über die entsprechenden Blogger durch diese Vodafone-Kampagne nicht im geringsten geändert. Ich habe Sascha Lobo nie richtig etwas abgewinnen können, und das bleibt auch so. Die Schnutinger-Comics hingegen fand ich bisher recht amüsant, und Johnny vom Spreeblick schätze ich ob seiner Ansichten. Deshalb werde ich mich an dieser ganzen Hetzerei definitiv nicht beteiligen. Aber diese 2 Cents mussten einfach mal raus.
