Ein Norddeutscher im Exil
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Minarette und Kirchtürme
05. Dez
In Deutschland gibt es ja eine schöne Tradition: Jeden Sonntag Morgen wird geläutet. Von meterhohen Türmen, in deren Inneren sich einige Glocken befinden. Das Läuten ruft die Gläubigen, denn es leitet den bevorstehenden Gottesdienst ein. Und das schon seit hunderten von Jahren. Und jede Stunde läutet die moderne Kirchturmglocke, um den Menschen zu sagen, wie spät es ist.
In islamischen Ländern gibt es auch eine schöne Tradition: Jeden Freitag wird gesungen. Von meterhohen Türmen, an dessen Spitze ein Muezzin steht. Das Singen ruft die Gläubigen, denn es leitet das bevorstehende Freitagsgebet ein. Und das schon seit hunderten von Jahren. Auch zu anderen Tageszeiten ruft der Muezzin, um die Gläubigen an ihr Gebet zu erinnern.
Die beiden Absätze ähneln sich sehr. Denn das muslimische Freitagsgebet und der christliche Gottesdienst sind auch sehr ähnliche Traditionen, für die jeweiligen Gläubigen sind es die wichtigsten Punkte der Woche. Islam und Christentum gehören mit dem Judentum zu den sogenannten abrahamitischen Religionen, was ihre Ähnlichkeit zueinander in der Ausübung ihres Glaubens erklärt.
Politisch gesehen stellen sich den Gläubigen oft Steine in den Weg – in vielen Ländern der Welt werden Christen systematisch oder unsystematisch unterdrückt und verfolgt, in vielen westlichen Ländern sind Muslime inzwischen nicht selten bewussten oder unbewussten Repressalien ausgesetzt, und vom schon jahrhunderte alten Antisemitismus brauche ich ja gar nicht erst zu reden.
In der Schweiz ist vor Kurzem ein Referendum durchgeführt worden, dass genau dies wieder in Erinnerung ruft: die schweizer Bevölkerung hat sich gegen den Bau von Minaretten in ihrem Land ausgesprochen. Diese Entscheidung hat national wie international Einiges an Aufsehen erregt, so zum Beispiel auch in der Türkei. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan erklärte, dass “die religiösen Minderheiten in der Türkei mehr Rechte als in Europa” hätten und verglich diese Abstimmung der Schweizer mit Faschismus. Damit schwang Erdogan sich zumWortführer der islamischen Welt gegen diese schweizer Entscheidung auf. Aber ist in der Türkei wirklich alles Gold, was glänzt?
Die Türkei steht sehr stark in der Tradition des sunnitischen Islam. Dabei stehen die Religionsgemeinschaften streng unter staatlicher Aufsicht. Für den sunnitischen Islam gibt es in der Türkei sogar eine eigene Behörde, das “Präsidium für Religionsangelegenheiten” (alles nachzulesen hier). Christen hingegen haben es in der Türkei schwer. Obwohl die Region, in der sich die Türkei befindet, einige der ersten christlichen Gemeinden (zum Beispiel in Antiochia, heute Antakya) beherbergte, gibt es in der Türkei heute nur nich knapp 120.000 Christen (0,02% der Gesamtbevölkerung). Obwohl im Vertrag von Lausanne 1923 unter Anderem Christen und Juden Minderheitenrechte zugesprochen wurden (es werden in der Türkei nur die Griechisch-Orthodoxe und die Armenisch-Apostolische Kirche als christliche Konfessionen anerkannt), ist der Gebrauch dieser Rechte durch die türkische Gesetzgebung nur begrenzt möglich. Immer wieder kommt es zu Anschlägen auf Christen (auch Christen aus dem Ausland) oder christliche Einrichtungen. Des Weiteren durften christliche Gemeinschaften in der Türkei lange Zeit keine eigenen Gebäude oder Grundstücke besitzen oder erwerben. Dementsprechend auch keine Kirchen, geschweige denn Kirchtürme, bauen. In diesem Artikel der Stuttgarter Nachrichten erfährt man noch einige andere interessante Fakten.
Und in diese Situation hinein behauptet Erdogan nun, in der Türkei hätten religiöse Minderheiten mehr Rechte als in Europa. Ich sehe das so, als ob jemand im Glaushaus sitzt und dabei mit Steinen wirft. Vielleicht sieht Erdogan die Fälle nicht, in denen Christen in der Türkei Repressalien ausgesetzt sind, vielleicht aber “vergisst” er sie auch völlig absichtlich. Und unter einer solchen Voraussetzung verhandelt die Türkei seit 2005 mit der EU um einen Beitritt.
Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht unbedingt der Ansicht, dass das Ergebnis des schweizer Referendums richtig war (hierzulande kann ich mir z. B. auch nur schwer Minarette mit Muezzinen vorstellen). Es geht mir hier einzig um die Tatsache, dass der Ministerpräsident eines Landes ein anderes für etwas kritisiert, dass in seinem eigenen Land umgekehrt Gang und Gäbe ist. Jesus sagte schon:
“Warum regst du dich über einen Splitter im Auge deines Nächsten auf, wenn du selbst einen Balken im Auge hast? Mit welchem Recht sagst du: ‘Mein Freund, komm, ich helfe dir, den Splitter aus deinem Auge zu ziehen’, wenn du doch nicht über den Balken in deinem eigenen Auge hinaussehen kannst? Du Heuchler! Zieh erst den Balken aus deinem eigenen Auge; dann siehst du vielleicht genug, um dich mit dem Splitter im Auge deines Freundes zu befassen.”
(Matthäus 7:3-5, Neues-Leben-Übersetzung)
Diese Verse kann man prima auf die aktuelle Situation anwenden (und da sage mal einer, die Bibel habe keinen aktuellen Bezug
). Erdogan und die Türkei sollten zunächst die Situation der religiösen Minderheiten in der Türkei (unter Anderem auch der alevitischen Muslime) verbessern, bevor sie andere Länder für ihr Vorgehen kritisiert. Ich beschwere mich doch auch nicht bei meinem Nachbarn, weil er den Rasen wieder nicht gemäht hat, wenn ich selbst meinen Garten verwildern lasse.
Eine Anmerkung sei noch erlaubt: Ich beziehe mich hier einzig und allein auf die Situation von Christen in der Türkei und die Tatsache, dass Erdogan offenbar mit zweierlei Maß misst. Ich wollte nicht in den allgemeinen Tenor “Wie die uns, so wir denen” mit einsteigen, der von diesem Artikel auf Spiegel Online aufgegriffen und kritisiert wird. Obwohl ich gläubiger Christ bin, lasse ich Muslimen ihre Religion und sehe auch nichts Schlimmes dabei, wenn sie diese ausüben – unter der Voraussetzung, dass sie respektvoll mit ihrer Umgebung umgehen. Respektlosigkeit und Intoleranz kann ich übrigens bei Christen auch nicht leiden.
